Haydns Streichquartettkosmos auf historischen Instrumenten zu spielen, war natürlich im Jahr 2000 längst keine Revolution, kein Wagnis mehr. Ein ungewöhnliches Unterfangen war es aber, dass vier Musiker, die sich dem Originalklang verpflichtet fühlten, nicht nur zur Jahrtausendwende ein Ensemble gründeten, um sich sämtlichen Haydn-Quartetten zu widmen. Um dem Geist ihrer Entstehung so nahe wie möglich zu kommen, entschied sich das London Haydn Quartet für die Notenausgaben aus Haydns Zeit.
Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Formation sind jetzt sämtliche, zwischen 2007 und 2023 veröffentlichten Aufnahmen der Haydn-Quartette in einer Box erschienen. Und obwohl es im Laufe der Jahre so manche Umbesetzungen gab, hat man nicht nur eisern am vibratolosen Spiel als einem der Grundprinzipien der historisierten Aufführungspraxis festgehalten. Zugleich präsentiert man von den frühen, divertissementartigen Streichquartetten bis zu den großen finalen Würfen eine vierstimmige Gesprächskultur, die dem Reichtum Haydns in allen Belangen gerecht wird. All seine harmonisch kühnen Einfälle, seine hintergründigen Augenzwinkereien und seine geistvollen Flirts mit der Volksmusik kommen hier ziemlich formvollendet zum Ausdruck. Wie zukunftsweisend der Streichquartettkomponist Haydn war, unterstreicht das London Haydn Quartet nicht zuletzt in den abgründigen langsamen Sätzen, von denen sich sein großer Bewunderer Beethoven unüberhörbar zu seinen eigenen Geniestreichen inspirieren ließ.