Christiane Peterlein
Südwestrundfunk, Germany
August 2016

Die CD fängt an zu spielen: Ist das Vivaldi? Das Thema so klar strukturiert, die Musik so nach vorne drängend, pulsierend … Aber dann: Stimmungswechsel—ein luftiger fast schwebender Klang. Auf keinen Fall Barock. Was ist das denn nur? Die CD-Hülle verrät es: Cello-Konzerte von C.P.E. Bach. C.P.E.—also Carl Philipp Emanuel—der zweitälteste Bach-Sohn. Der Sohn, der zu Lebzeiten den Ruhm seines Vaters bei Weitem überstrahlte. Und auch heute, gut 250 Jahre später, macht seine Musik hellhörig. Doch worin liegt ihr Charme? Vielleicht in ihrer Mehrdeutigkeit. Im ersten Augenblick meint das Ohr, die klaren Linien des Generalbass-Zeitalters zu erkennen. Johann Sebastian lässt grüßen. Aber Carl Philipp Emanuel wollte eine andere Musik als sein Vater schreiben. Sie ist empfindsamer, geschmeidiger. Gerade wenn man meint, ihre Struktur verstanden zu haben, bricht sie mit der Hör-Erwartung. Entzieht sich einer klaren Zuordnung, schmeichelt und verführt das Ohr erneut zum Zuhören.

Damit Musik so fesseln kann, braucht sie die richtigen Interpreten. Die hat sie auf dieser Einspielung mit Solist Nicholas Altstaedt und den Musikern von Arcangelo. Ensemble-Gründer Jonathan Cohen leitet vom Cembalo aus. Gemeinsam gestalten sie die Musik extrem dramatisch, in atemberaubendem Tempo wechseln die Affekte: Auf Leidenschaft folgt Wehmut, Zärtlichkeit auf Stolz. Nicht nur das Orchester—auch Cellist Nicholas Altstaedt genießt die Unvorhersehbarkeit dieser Musik: Jede überraschende Wendung kostet er aus, jedes Changieren der Klang-Farbe lässt er schillern. An virtuosen Stellen blitzt Altstaedt als Solist hervor. Sie sind aber eher die Ausnahme. Obwohl es der Solist ist, der allein und mit Wuschel-Frisur vom Cover blickt—C.P.E. Bach als One-Man-Show? Klare Fehlanzeige!

Und das ist wohl ein weiterer Grund für den Charme dieser Aufnahme: Hier wird miteinander Musik gemacht. Der Solo-Part ist nur ein Bestand-Teil des Ganzen. Und so entstehen herrliche, kammermusikalische Momente, in denen Cello und Orchester tatsächlich miteinander konzertieren. Drei Cello-Konzerte von Carl Philipp Emanuel Bach sind auf dieser CD versammelt. Eine gute Stunde Musik, die sich weder aufdrängt noch etwas fordert—und ihr Publikum trotzdem fesselt.

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