Michael Loos
Klassik.com, Germany
März 2016
PERFORMANCE
RECORDING

Musikwissenschaftler kategorisieren gerne. Die drei Schaffensperioden Beethovens, das Liederjahr Schumanns und andere Einteilungen sollen Übersicht schaffen, dürfen aber natürlich nicht zu Schablonen verkommen. Auch aus Sicht der Rezeption eines kompositorischen Œuvres ist der Versuch einer Unterteilung verführerisch; häufig gespielte Werke stehen dann neben eher selten zu hörenden—wiederum bietet sich Beethoven an, dessen ‚ungerade‘ Symphonien deutlich häufiger auf den Konzertprogrammen stehen als die ‚geraden‘. Doch ist nicht die Pastorale (die Sechste Symphonie) auch sehr populär? Irgendwo stößt jede Einteilung eben an ihre Grenzen, so ist es sicherlich auch im Schaffen von Édouard Lalo (1823–1892), aus dessen beachtlichem Œuvre nur eine kleine Handvoll von Werken richtig populär ist, allen voran das geniale Violinkonzert 'Symphonie espagnole' (komponiert 1873/74). Dieser Repertoire-Klassiker liegt in unzähligen Aufnahmen vor und stellt nicht nur Lalos andere Violinkonzerte, sondern sein gesamtes übriges Schaffen in den Schatten.

Dabei ist die Zahl der unbedingt hörenswerten Stücke aus der Feder des Franzosen groß, beginnend bei dem (noch vergleichsweise oft aufgeführten) Cellokonzert über die Oper Le Roi d‘Ys bis hin zu den kammermusikalischen Werken, in denen die Violine meist eine prominente Rolle spielt. Kaum einmal im Konzert zu hören sind auch Lalos drei Klaviertrios, die einen Zeitraum von dreißig Jahren umspannen. Das erste Trio in c-Moll op. 7 entstand vermutlich 1850 ganz im Zeichen Beethovens und der deutschen Romantik, mit dem zweiten und dritten Trio (1852 und 1880 komponiert) gelangte der Tondichter dann zu einem eigenen Stil, dessen harmonische und rhythmische Raffinesse für die französische Musik stilbildend wurde. Alle drei Trios hat auf der vorliegenden CD das Leonore Piano Trio eingespielt. Die drei Musiker (Benjamin Nabarro, Violine; Gemma Rosefield, Violoncello; Tim Horton, Klavier) pflegen seit langer Zeit auch das selten gespielte Repertoire der Gattung und nahmen zuletzt (ebenfalls für Hyperion) die beiden Trios von Anton Arensky auf.

Trotz netter Ideen wie einer formalen Umklammerung der Sätze eins und vier durch das einleitende Cello und eines insgesamt schmissigen Tonfalls ist das erste Trio das blasseste der drei Werke. Die drei Musiker tun, was in der Macht von Interpreten steht, um das Stück glänzen zu lassen: Nabarro und Rosefield spielen sich die Motive und Themen zu, Horton sorgt für das akkordische Fundament und hält sich sonst angemessen zurück. Am relativ dezenten Ton des Pianisten können sich die Geister scheiden: Wer es schon einmal im Konzert erlebt hat, wie das Klavier die Streicher regelrecht in Grund und Boden spielt, wird ihm dankbar sein; wer einen ausgewogenen Ton dreier gleichberechtigter Kammermusikpartner schätzt, wird sich ein etwas dominanteres Klavier wünschen. Ich habe den Eindruck, dass vor allem im ersten Trio (wo das Klavier ohnehin sehr oft nur begleitet) etwas Potential verschenkt wird.

Das zweite Trio, obwohl nur zwei Jahre nach dem ersten entstanden, spricht eine deutlich individuellere und zwingendere Sprache. Lalo schrieb hier ein ausgedehntes, rhythmisch und harmonisch höchst abwechslungsreiches Werk, das er für alle drei Instrumente fordernd, aber auch dankbar gestaltet hat. Die sehr gute Klangbalance der Aufnahme (die auch schon im ersten Trio vorhanden war) bildet nun die Grundlage für eine spannende und hochpräzise Interpretation, in der vor allem Geiger Nabarro gleichermaßen sein lyrisches wie virtuoses Können darbieten kann. Horton hat nun deutlich mehr zu tun und schließt an das hohe Niveau seiner beiden Streicher-Kollegen an, ohne sich aber je unangemessen in den Vordergrund zu drängen. Die beachtlichen Kontraste des Werkes, etwa zwischen dem langsam-schmachtenden zweiten Satz und dem rasant genommenen Finale, werden von den Musikern plastisch dargestellt.

Als Lalo 1880 sein drittes Trio komponierte, war ihm (durch die 'Symphonie espagnole') endlich die internationale Anerkennung zuteil geworden, auf die er lange warten musste. So kann man das (im Vergleich zu den beiden ersten Trios) optimistisch, ja stellenweise fast fröhlich klingende Werk als Bilanz eines erfolgreichen und selbstbewussten Tondichters deuten, der niemandem mehr etwas beweisen muss—die groß aufschwingenden Gesten des Kopfsatzes, die tückischen Klavierpassagen, aber auch das funkensprühende Scherzo (an zweiter Stelle) sind Musik eines Könners für Könner und als solche beim Leonore Piano Trio zum Glück an der richtigen Stelle. Das Zusammenspiel von Nabarro und Rosefield wirkt selbst im höchsten Tempo noch leicht und federnd, Horton greift nun so in die Tasten, wie man es sich auch im ersten Trio gewünscht hätte und krönt so eine Interpretation, die sich ihre besten Momente auch für das beste Werk aufgehoben hat. Keine üble Dramaturgie—wenn auch vielleicht nicht unbedingt beabsichtigt. Wer entweder Lalos Werke oder gute Kammermusik (mit Klavier) schätzt, kann hier in jedem Fall beruhigt zugreifen.

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